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Hermann Giesecke
Hitlers Pädagogen
Theorie und Praxis nationalsozialistischer Erziehung
2.
Überarb.
Aufl. Weinheim: Juventa-Verlag 1999
Einleitung
Zu dieser
Edition:
Der Text des Buches, das in 1.
Aufl.1993 erschien, wird hier vollständig wiedergegeben. Zum
biographischen Hintergrund vgl. meine Autobiographie Mein Leben ist lernen. Das
Literaturverzeichnis befindet sich naturgemäß auf dem Stand des
Erscheinungsjahres 1999.
Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Darüber hinaus wurde das
Original
jedoch nicht verändert. Um die Zitierfähigkeit zu gewährleisten,
wurden
die ursprünglichen Seitenangaben mit aufgenommen und erscheinen am
linken
Textrand; sie beenden die jeweilige Textseite des Originals.
Der Text darf zum persönlichen
Gebrauch kopiert und unter Angabe der Quelle im Rahmen
wissenschaftlicher und publizistischer Arbeiten wie seine gedruckte
Fassung verwendet werden. Die Rechte verbleiben beim Autor.
© Hermann Giesecke
Vorwort zur 2. Auflage
Dieses Buch ist aus meinen Lehrveranstaltungen
über die Pädagogik im Nationalsozialismus entstanden. Es soll
Studierenden, darüber
hinaus aber auch allen anderen Interessierten einen ersten Einstieg
ermöglichen,
von dem aus weiterführende Recherchen möglich sind. In diesem Sinne
entspricht
der Text in etwa einer geschriebene Einführungsvorlesung. Deshalb setzt
er
auch keine speziellen historischen Vorkenntnisse voraus. Meist ist ein
moralisches
Urteil über diese Zeit zwar bereits vorhanden, ihm entsprechen jedoch
oft
nur geringe sachliche Informationen und kaum hinreichende
Vorstellungszusammenhänge,
an die sich anknüpfen ließe. Dieser Mangel tritt insbesondere dann in
Erscheinung,
wenn es neben der notwendigen kritischen Distanz um die für einen
Historiker
selbstverständliche Forderung geht, auch mit den Köpfen der
Beteiligten
zu denken.
Im Mittelpunkt der Betrachtung stehen drei der
wirkungsvollsten
damaligen pädagogischen Akteure (Krieck, Baeumler und Schirach); um
diese
herum versuche ich das Thema zu entfalten. Es ist - so stellt sich
heraus
- keines, das im ganzen historisch erledigt wäre, vielmehr sind
wichtige
Probleme, die dabei zur Sprache kommen, epochale, waren längst vorher
schon
entstanden und reichen in modifizierter Form bis in die Gegenwart.
Dafür
den Blick zu schärfen ist meine ausdrückliche Absicht, weil nur so die
Möglichkeit
entsteht, aus falschen Lösungen zu lernen. So wenig aktuell die Texte
vor
allem von Krieck und Baeumler uns gegenwärtig auf den ersten Blick
erscheinen mögen, so geben sie doch den damaligen (pädagogischen)
Zeitgeist einigermaßen
präzise wieder, weshalb die von mir präsentierten Kernzitate sich auch
zu
dessen Studium eignen. Die kollektive Mentalität, die darin zum
Ausdruck
kommt, war der Teich, in dem Hitler erfolgreich fischen konnte.
Selbstverständlich gehörten zu "Hitlers
Pädagogen" nicht nur diese drei. Sie gelangten jedoch in besonders
exponierte Positionen.
Um sie herum gab es eine ganze Reihe weiterer Hitler ergebener
Pädagogen,
von denen aber vergleichsweise wenig zu berichten ist; jedenfalls
entwickelten
sie keine bemerkenswerten Versuche, für die NS-Bewegung so etwas wie
ein
theoriefähiges pädagogisches Konzept zu entwickeln.
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Vielmehr benutzten sie meist - vor allem wenn
sie der jüngeren Generation angehörten - die Schlüsselworte der
NS-Weltanschauung
als Leerformeln, um im übrigen pragmatisch-technokratisch zu
argumentieren
und zu handeln. Gerade dieser Mangel an Reflexion machte sie aber auch
zu
willigen Exekutoren, so daß es durchaus angebracht wäre, sie in einer
eigenen
Studie zu behandeln. Im Unterschied zu ihnen waren Baeumler, Krieck und
Schirach durchaus darauf aus, eine spezifisch nationalsozialistische
Pädagogik zu
formulieren, weshalb ich sie als pädagogische "Chefideologen"
apostrophiere.
Dieses Buch beweist nicht erneut die monströse
politische
Kriminalität des NS-Regimes, sondern setzt sie als unumstößliche
Tatsache
voraus. Vielmehr versucht es am Beispiel dieser drei Personen zu
zeigen,
wie Menschen, denen verbrecherische Ambitionen ursprünglich fremd
waren,
gleichwohl in die nationalsozialistische "Bewegung" - teils aktiv,
teils
als Mitläufer - verwickelt wurden und darauf bis zum bitteren Ende
fixiert
blieben. An ihrem Beispiel läßt sich heute mehr lernen, als aus dem
selbstverständlich
gewordenen und letztlich folgenlos bleibenden Abscheu gegenüber den
mörderischen Tätern. Mit diesen vermag sich kaum jemand von seinem
Alltag her zu identifizieren,
jene aber legen viel eher die Frage nahe, ob wir Heutigen uns damals
wesentlich
anders verhalten hätten. Gegenstand des Buches sind also in erster
Linie
die Motive und Gründe solcher Personen, die Hitler mehr oder weniger
arglos
gefolgt sind, aber gerade dadurch seine populistische Macht fundierten.
Ich bemühe mich, das Thema nach denselben
Regeln
zu bearbeiten, die für historische Recherchen und Deutungen allgemein
angezeigt
sind, auch wenn das zumal in pädagogischen Zusammenhängen nicht
unbedingt
die Billigung des Zeitgeistes findet.
Die Gelegenheit der Neuauflage habe ich auch
dazu benutzt, den Text zu korrigieren und zu straffen, eine Reihe
ärgerlicher
Druckfehler der alten Ausgabe zu tilgen sowie wichtige Ergebnisse der
neueren
Forschung einzuarbeiten.
Göttingen, Herbst 1998 Hermann Giesecke
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Einleitung
Eine partei- oder staatsoffizielle
pädagogische Doktrin
hat es im Nationalsozialismus nicht gegeben. Als er 1933 an die Macht
kam,
waren gerade im kulturellen Bereich viele Fragen offen, und zupackende
Männer
wie Baldur von Schirach hatten gute Chancen, ihre eigenen Vorstellungen
durchzusetzen.
Erst müsse man die Macht haben, dann werde man weitersehen, hatte
Hitler
gesagt. Aber für die Zeit danach gab es kaum innenpolitische Programme
außer
im negativen Sinne, daß nämlich die politischen Gegner (Juden,
Sozialisten,
Kommunisten) auszuschalten und die verhaßte parlamentarische Demokratie
der
Weimarer Zeit einschließlich der sie tragenden liberalen Ideen zu
beseitigen seien. Aber wie Deutschland nun neu gestaltet werden sollte,
war weitgehend
offen und hing nicht zuletzt von den Menschen ab, die nun die Chance
des
Handelns bekamen. Zudem verstanden die Nazis sich primär nicht als eine
politische
Partei neben anderen, sie betrachteten ihre Partei nur als notwendig,
um
im Gefüge des Parlamentarismus politisch auftreten zu können. Vielmehr
sahen
sie sich in erster Linie als völkisch-politische Bewegung, und
die
hatte ein sehr breites ideologisches Spektrum, so daß sich auch solche
Menschen
ihr anschließen oder zumindest mit ihr sympathisieren konnten, die mit
der NSDAP selbst wenig im Sinn hatten oder sich gar innerlich von ihr
distanzierten.
Nicht die Partei, sondern die Bewegung erreichte die Massen. Das
fehlende
positive Programm für die Neugestaltung des "völkischen Staates", wie
Hitler
ihn nannte, war also gerade eine Voraussetzung dafür, daß die NSDAP vor
der
Machtergreifung zur Massenpartei werden konnte. Hätte sie präzise
Vorstellungen
über die Neuordnung von Staat und Gesellschaft gehabt, wie etwa die
Kommunisten, dann hätte sie eine ganze Reihe von Anhängern nicht
erreichen können. Das
ständige Einschlagen auf die politischen Gegner - im wörtlichen wie im
ideologischen
Sinne - reichte als die Bewegung zusammenhaltende Strategie zunächst
aus.
Eines der Felder, die nach der Machtergreifung
neu zu bestellen waren, war das der Erziehung. Auch für diese Aufgabe
gab es
nur allgemeine Vorgaben, wie sie Hitler in "Mein
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Kampf" formuliert hatte. Davon wird im
nächsten
Kapitel die Rede sein.
Die Herausforderung war eine theoretische und
praktische.
Eine neue, nämlich an der NS-Weltanschauung orientierte
Erziehungstheorie
sollte gefunden werden, die sich von den bisher gültigen
bürgerlich-liberalen
Konzepten abheben ließ. Andererseits sollten natürlich die
pädagogischen
Praxisfelder "im neuen Geiste" umgestaltet werden. Aber wo und bei wem
war
dafür eine theoretische Fundierung zu finden?
Vor allem zwei Wissenschaftler boten sich an,
diese Lücke zu füllen: Ernst Krieck und Alfred Baeumler. Sie versuchten
auf unterschiedlichen
Wegen, dem neuen Regime nicht nur eine weltanschaulich passende
Erziehungswissenschaft
zu offerieren, sondern darüber hinaus auch diese Weltanschauung selbst
philosophisch
zu legitimieren. Da aber die NS-Bewegung vor 1933 kulturell wenig
festgelegt
war, kann man den Sachverhalt auch anders akzentuieren. Beide - Krieck
wie
Baeumler - nutzten diese Offenheit, um ihre eigenen Vorstellungen im
Rahmen
der ideologischen Vorgaben zur Geltung bzw. zu offiziellem Ansehen zu
bringen.
Jedenfalls können wir sie als pädagogische "Chefideologen" des Regimes
bezeichnen.
Ihre praktische Bedeutung wird jedoch
übertroffen durch einen Dritten, den man zwar nicht als "Chefideologen"
bezeichnen kann,
weil er nicht primär durch seine Schriften gewirkt hat, der aber mit
der
"Hitler-Jugend" eine Jugendorganisation geschaffen hat, deren
pädagogische
Wirkung auf viele junge Menschen nicht unterschätzt werden darf: Baldur
von
Schirach.
Krieck, Baeumler und Schirach waren wohl die
herausragenden
Pädagogen in einer ganzen Reihe von Kollegen, die sich der
Hitler-Bewegung
mehr oder weniger entschieden anschlossen, die sich also als "Hitlers
Pädagogen"
verstanden.
Dabei konnten ganz verschiedene Motive eine
Rolle spielen. Viele identifizierten sich mit der nationalen Bewegung
und der damit
verbundenen patriotischen Aufbruchstimmung, ohne sich dabei die
NS-Ideologie
im ganzen zu eigen zu machen. Fast jeder deutsche Pädagoge, der sich in
der
NS-Zeit öffentlich geäußert hat, tat dies auch mit Floskeln der
NS-Ideologie,
wobei im Einzelfall schwer zu entscheiden ist, ob
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dies aus Opportunismus oder aus Überzeugung
geschah. Jedenfalls wäre es problematisch daraus abzuleiten, hier
handele es sich
schon deshalb um einen NS-Pädagogen. Nicht einmal der Rassismus reicht
als
Abgrenzungskriterium aus, denn die drei genannten NS-Pädagogen waren
keine
Rassisten im Sinne Hitlers.
Eine weitere Schwierigkeit für eine
zutreffende Beurteilung
der damaligen Pädagogen besteht darin, daß eine Reihe von
Schlüsselworten
der völkischen Ideologie wie "Volksgemeinschaft" und sogar "Rasse" oft
in
einem unpräzisen alltagssprachlichen Sinne verwendet wurden, die kaum
sachliche
Stellungnahmen meinten, sondern eher soziale Zugehörigkeit ausdrückten
(wenn
man "Rasse" sagte, gehörte man auch zur "Bewegung"). Ähnliches läßt
sich
auch heute feststellen, wenn wir etwa an einen Gruppenjargon denken
oder
an politische Sprachregelungen. Neuerdings machen wir solche
Erfahrungen
auch im Umgang mit der "Aufarbeitung" der DDR, wenn wir etwa versuchen,
deren Pädagogik zu rekonstruieren und zu bewerten. Halten wir uns dabei
lediglich
an die verwendeten allgemeinen ideologischen Floskeln, ist wenig
Aufklärung
zu erwarten. So war es auch damals: Wie alle Schlüsselworte der
NS-Weltanschauung
wurde auch "Rasse" als ein Wort des Zeitgeistes in vielen
Schattierungen
benutzt. Es gab keinen nationalsozialistischen Katechismus, im
Gegenteil
gab es, wie wir sehen werden, über ideologische Fragen zum Teil
erbitterte Auseinandersetzungen, was zeigt, daß hier der Spielraum
zunächst relativ
groß war.
Weder hat Hitler sein Buch "Mein Kampf" zum
Glaubensbuch
erklärt, noch durften andere NS-Autoren sich mit diesem Anspruch
präsentieren.
Einige NS-Führer gaben sich betont atheistisch, andere in einer mehr
oder
weniger verschwommenen Weise "gottgläubig". Jedenfalls war Atheismus
kein
offizielles Dogma. Die Zeitgenossen konnten daraus geistige Offenheit
ablesen,
tatsächlich kam darin jedoch nur zum Ausdruck, daß das Regime seine
Machtansprüche
nicht durch irgendwelche geistigen bzw. ideologischen Vorgaben
begrenzen
lassen wollte. Die scheinbare Offenheit ermöglichte vielen Menschen,
sich
der Hitlerbewegung anzuschließen, wozu z.B. überzeugte Katholiken
gehörten, die mit den atheistischen Attitüden nichts im Sinn hatten.
Aber für den völkisch-politischen
Aufbruch, den Hitler versprach,
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konnten sie sich trotzdem einsetzen, wenn sie
das
parlamentarische System für abgewirtschaftet hielten.
"Erziehung" war ein Modewort im
Nationalsozialismus. Jeder Parteifunktionär fühlte sich berufen, sich
über Fragen der Erziehung
zu äußern, und es verging kaum eine öffentliche Kundgebung, auf der
dies
nicht geschah, und sei es auch nur, daß dabei bekannte Hitler-Zitate in
Erinnerung
gebracht wurden. Auch höhere Chargen, wie etwa Alfred Rosenberg,
zuständig
für die weltanschauliche Überwachung der Partei, veröffentlichten
entsprechende
Texte. Niemandem gelang es aber, eine allgemein anerkannte pädagogische
Theorie
zu formulieren, die als die "nationalsozialistische"
akzeptiert worden
wäre.
Mit einem gewissen Recht kann man auch
führende Erziehungswissenschaftler
der Weimarer Zeit wie Spranger, Nohl, Flitner, Petersen als
NS-Pädagogen
bezeichnen, weil sie den völkischen Implikationen der NS-Ideologie so
fern
nicht standen. Gelegentlich ist damit heute eine nachträgliche
moralische
Verurteilung solcher "bürgerlicher" Pädagogen verbunden. Aber die
ideologische
Vielfalt und Widersprüchlichkeit der nationalsozialistischen "Bewegung"
machte
es vielen nicht leicht, darin ihre eigene Position zu präzisieren.
Konnte man für die "Volksgemeinschaft", aber gegen den Atheismus und
Rassismus sein?
Selbst katholische Bischöfe taten sich schwer mit solchen Feinheiten.
Für die meisten Pädagogen, die 1933 in Amt und
Würden
waren und sich in der Folgezeit publizistisch äußerten, galt, was
Klaus-Peter
Horn über die Autoren der geisteswissenschaftlich-reformpädagogisch
orientierten
Zeitschrift "Die Erziehung" herausgefunden hat: "Einige Autoren wandten
sich
eindeutig dem Nationalsozialismus zu, nahmen seine Themen und Argumente
auf
und führten sie weiter. Andere Autoren versuchten, traditionelle
pädagogische
Argumente mit den neuen Themen zu mischen, sie lavierten zwischen
nationalsozialistischer
Option und Festhalten an den alten Ideen. Eine dritte Gruppe von
Autoren
meinte, mit den alten Konzepten den Nationalsozialismus und seine
pädagogischen
Ideen besser zu verstehen als die Nationalsozialisten sich selbst.
Schließlich
muß die kleine Gruppe von Autoren genannt werden, die an ihren Theorien
festhielten
und sie kritisch gegen den Nationalsozialismus wendeten. Die mei-
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sten Autoren aber akzeptierten die
nationalsozialistische
Erziehungsrealität und übernahmen die nationalsozialistischen
Erziehungsvorstellungen,
teilten nur nicht die radikale Ablehnung der eigenen (früheren)
Position
und Leistungen" (Horn, 302).
Über die politische Kriminalität des
NS-Regimes
muß man heute keinen vernünftigen Menschen mehr belehren. Aber kaum
jemand, der Hitler 1933 gefolgt ist, hatte diese Krimi-
nalität vor Augen oder im Sinn, das gilt auch
für unsere drei Pädagogen. Sie waren keine besonderen Bösewichter, sie
waren,
wie viele andere, die Hitler gefolgt sind, Menschen mit einer
bestimmten
Lebensgeschichte und mit daraus resultierenden Erfahrungen; sie
versuchten
dort, wo sie sich befanden, ihren Alltag zu gestalten und dabei
natürlich
auch auf ihren Vorteil und ihre Chancen zu sehen. Wer 1933 sich der
Hitler-Bewegung
anschloß oder sie z.B. bei der Wahl unterstützte, war nicht schon
deshalb
politisch kriminell, und wer
dadurch für seine berufliche Perspektive eine
Chance
sah, war deswegen nicht schon überdurchschnittlich opportunistisch.
Damit meine ich, daß die Menschen im
allgemeinen weder Helden noch Bösewichte sind, als die sie aus der
historischen Rückschau
leicht erscheinen, sondern gerade in
schwierigen Zeiten sich um ihr Überleben im
Alltag mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln kümmern. Nicht
wenige von ihnen
- und dazu gehörten auch Krieck und Baeumler - hatten die Weimarer
Republik
und ihre Verfas
sung durchaus zu respektieren versucht - weit
davon entfernt, gleichsam "geborene Nazis" zu sein. Irgendwann gewannen
sie aber
den Eindruck, daß die Republik unfähig sei, die Probleme ihres Alltags
zu
lösen, und aus Respekt wurde Gleichgültigkeit oder gar Haß. Schließlich
schienen
sich die politischen Verhältnisse zu polarisieren auf die Alternative
Kommunismus
oder Nationalsozialismus: auf der einen
Seite eine Klassenkampfpartei, von der man -
was immer man sonst von ihr politisch oder ideologisch halten mochte
- jedenfalls
keine Ruhe und keinen inneren Frieden erwarten konnte; auf der anderen
Seite
die Hitler-Bewegung, die zu einer Volksbewegung anschwoll, die nicht
nur
Arbeit und Brot versprach, sondern auch, solche politischen Ziele zu
verfolgen,
die speziell dem deutschen Volke auf den Leib geschnitten seien, die
ihm
wieder Einheit, Wohlstand und An-
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sehen verschaffen würden. Da konnte die Wahl
nicht
schwer fallen.
Zu den bemerkenswertesten Erkenntnissen der
historischen
Forschung gehört die Tatsache, daß die Deutschen fast bis zum bitteren
Ende
Hitler eine hohe Massenloyalität gewährten - allerdings nicht der
Partei,
nicht einzelnen Organen der Partei, sondern der Person Hitler selbst.
Vor
allem in den Kriegsjahren richtete sich viel Unmut gegen die "Bonzen",
in
der HJ-Führung gab es z.B. die Vorstellung, nach dem Kriege gemeinsam
mit
Hitler unter ihnen "aufzuräumen". Auch unsere drei Pädagogen blieben
loyal
zu Hitler; sie wurden dabei - wie sich zeigen wird - zu tragischen
Figuren.
In einem ersten Teil stelle ich zunächst die
grundlegenden
politisch-pädagogischen Vorstellungen Hitlers, Kriecks und Baeumlers
vor.
Anders als die meisten Veröffentlichungen zu
unserem Thema, die die NS-Autoren nur in Zitatfetzen präsentieren und
sie von vornherein
einer bestimmten Interpretation unterwerfen, möchte ich Darstellung und
Kritik
deutlich trennen, Hitler, Krieck und Baeumler möglichst selbst zu Wort
kommen
lassen, damit nicht nur ihre Argumentationen deutlich werden, sondern
auch
die Tonart vernehmbar wird, in der sie vorgetragen wurden. Die Diktion
verrät
manches, was der Gedanke verschweigt.
In einem zweiten Teil wird die Entwicklung der
beiden
wichtigsten pädagogischen Praxisfelder - Schule und außerschulische
Jugendarbeit
(HJ) - dargestellt - nicht zuletzt auch unter dem Gesichtspunkt, wie
weit
die Vorstellungen der "Chefideologen" hier Wirkung gezeigt haben.
Untersuchungen,
die ausschließlich die Zeit von 1933 bis 1945 im Blick haben, gelangen
leicht
zu falschen oder einseitigen Beurteilungen, weil es für alles, was die
Nationalsozialisten
dachten und aussprachen, eine Vorgeschichte gab. Mit dieser waren die
damals
Handelnden lebensgeschichtlich, aber auch im Hinblick auf vielerlei
kollektive
Traditionen verbunden, die wiederum die Art und Weise beeinflußten, wie
sie
die Problemlage ihrer Gegenwart deuteten. Deshalb werden dort, wo es
sich
von der Sache her anbietet, knappe historische Rückblicke eingefügt.
Unser Thema ist zwar einerseits ein
historisches,
insofern es sich mit einem bestimmten geschichtlichen Zeitraum be-
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faßt; andererseits ist es aber auch deswegen
aktuell,
weil dieser Zeitraum eingebettet ist in einen darüber hinausreichenden
epochalen
Zusammenhang, in dem sich die Prozesse der Moderne entfalten, in dem
sich
langfristige Probleme und Konflikte entwickeln, die mit den Stichworten
Kapitalismus,
Entfremdung, Emanzipation, Fundamentaldemokratisierung, Identität
angedeutet
werden können. Diese Probleme sind zu einem guten Teil immer noch
aktuell,
und eben deswegen können wir aus der Beschäftigung mit der NS-Zeit
wichtiges
für unsere Gegenwart lernen. Wir werden z.B. auf eine Reihe von
pädagogischen
Irrtümern stoßen, an denen bis heute festgehalten wird, aber auch auf
Gedanken,
die uns inzwischen als absurd erscheinen.
Den Abschluß bildet ein zweifaches Fazit.
Einmal versuche ich die These zu belegen, daß zumindest ein wichtiger
Grund für
den Erfolg der Hitler-Bewegung in ihrem Identitätsangebot zu sehen ist,
daß
sie sich mit ihrer Ideologie der "Volksgemeinschaft" als Lösung einer
massenhaften
Identitätskrise präsentiert hat. Das zweite Fazit geht der Frage nach,
ob
und in welchem Maße eine "richtige" Erziehung politische Barbarei
verhindern
kann, bzw. ob die NS-Erziehung, wie sie von Krieck, Baeumler und
Schirach
propagiert wurde, politische Kriminalität zum Ziele bzw. zum Ergebnis
gehabt
hat.
Um die Lesbarkeit des Textes nicht zu
beeinträchtigen,
werden an Ort und Stelle nur die Zitate nachgewiesen. Den an weiteren
Informationen
interessierten Leser verweise ich auf das kapitelweise kommentierte
Literaturverzeichnis
am Schluß des Bandes.
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