Hermann Giesecke
Das Ende der Erziehung
Neue Chancen für Familie und Schule
Stuttgart: Klett-Cotta-Verlag 1996, 159 S., € 11,50
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Inhaltsverzeichnis
Vorwort zur Neuausgabe
Worum es gehtI. Analysen
Abschied von der Kindlichkeit des Kindes
1. Die Zukunft verschwindet in der Gegenwart:
Das Ende der bürgerlichen Erziehung2. Die Pädagogisierung der Gesellschaft und
die Folgen: Verantwortungslosigkeit, Gleichgültigkeit, Manipulation3. Das Kind als Forschungs- und Handlungsobjekt:
Die Pädagogik wird zur Sozialisationswissenschaft4. Die Auflösung des Generationsverhältnisses:
Die Macht der Erwachsenen schwindetII. Konsequenzen
Das Kind als kleiner Erwachsener.
1. Familie als "sozialer Heimathafen"
2. Die entpädagogisierte Schule
Fazit
Einleitung: Worum es geht (Auszug)
Alles deutet darauf hin, daß unsere Gesellschaft aufhört, "child-oriented" zu sein, wie sie es erst seit dem 18. Jahrhundert geworden war. Das bedeutet, daß das Kind ein spät erworbenes und vielleicht übertriebenes Monopol einbüßt, daß es, im Guten wie im Bösen, wieder eine weniger privilegierte Stellung einnimmt. Das 18./19. Jahrhundert geht vor unseren Augen zu Ende.
Philippe Ariés
Keine der nach 1945 herangewachsenen Generationen konnte die Maßstäbe, nach denen sie selbst erzogen und sozialisiert worden war, ohne tiefe Brüche an die nachfolgende übergeben. Was für die in den fünfziger Jahren Aufgewachsenen verbindlich war, wischte die "Kulturrevolution" der Studentenbewegung zu einem guten Teil vom Tisch; was der 68er Generation für die Erziehung ihrer Kinder wichtig war - zum Beispiel politisches Engagement und "herrschaftsfreies" Aufwachsen - , lehnten diese als junge Erwachsene für ihre eigenen Kinder wiederum weitgehend ab. Jede dieser Generationen mußte auf ihre Weise die Erfahrung machen, daß die Prinzipien ihrer Erziehung nicht mehr der Realität entsprachen, die sie als Erwachsene vorfanden. Die Eltern, die die Zukunft ihrer Kinder im Auge hatten, mußten sie verfehlen, weil sie sich nicht mehr einfach aus der Fortschreibung ihrer eigenen Lebensgeschichte ergab. Man nennt so etwas "kulturellen Wandel", aber in Wahrheit folgt aus der massenhaften Erfahrung, für die Erwartungen und Anforderungen, die dem Erwachsenen gegenübertreten, in der Jugend falsch erzogen worden zu sein, eine kollektive Identitätskrise. Besonders anschaulich ist dies am Zusammenbruch der überlieferten Sexualmoral zu zeigen. Wer in den fünfziger Jahren studierte, lief Gefahr, seine Wirtin einem Verfahren wegen Kuppelei auszusetzen, wenn er seinen "Damenbesuch" nicht bis 22 Uhr wieder aus seiner "Bude" entließ. Die Studentenbewegung machte dem schnell ein Ende, aber die Lautstärke, mit der nun die "sexuelle Befreiung" verkündet wurde, konnte die anerzogene Prüderie noch nicht übertönen. Und heute fragen sich viele, was man eigentlich tun soll, wenn man alles darf.
Hier geht es nicht nur um Fragen der privaten Lebensführung, sondern um tiefgreifende normative Verunsicherungen des öffentlichen Lebens, die nicht zuletzt das Selbstverständnis einer für die Erziehung so wichtigen Institution wie der Familie erschüttert haben. Kein Wunder also, daß inzwischen in den Familien wie in der Öffentlichkeit Unsicherheit über Ziele und Praktiken der Erziehung herrscht.
Diese Verunsicherung spiegelt nur die Tatsache wider, daß ganz allgemein politische, kulturelle und moralische Normen und damit die entsprechenden Lebensorientierungen in der Gesellschaft fragwürdig geworden sind. Die Erziehungskrise ist nur der besondere Aspekt einer tiefgreifenden kulturellen Krise. Die Marktchancen derjenigen, die Abhilfe anbieten, sind daher nicht schlecht. Die Massenmedien nehmen sich - mehr oder weniger seriös - des Themas an. Konservative Politiker und Wissenschaftler fordern zu einem neuen "Mut zur Erziehung" auf: Die Erziehung müsse wieder jene alten Tugenden lehren, ohne die das Zusammenleben in der Gesellschaft nicht möglich sei, zum Beispiel Toleranz, Pflichttreue, Sorgfalt, Arbeitsamkeit und Bescheidenheit. Diesen Tugenden müßten das persönliche Glücksstreben und individuelle Interessen untergeordnet bleiben. Andere Autoren - sie nennen sich Antipädagogen - halten Erziehung überhaupt für überflüssig, für einen bloßen Herrschaftsanspruch zur Unterdrückung der Kinder; die Kinder könnten sich durchaus selbst erziehen, wenn man sie gewähren ließe und ihnen dabei lediglich Ermutigung und Hilfen anböte.
In dieser Situation sich auf die eine oder andere Seite zu schlagen, führt nicht weiter. Vielmehr muß die Diskussion grundsätzlicher ansetzen, bei der Frage nämlich, ob die Idee von der "Kindlichkeit des Kindes" - die Voraussetzung für unseren traditionellen Begriff von Erziehung - nicht überhaupt aufgegeben werden muß.
...Die Idee von der Kindlichkeit des Kindes ist nicht zeitlos gültig, sie hatte nur Sinn unter den Bedingungen und Perspektiven der modernen bürgerlichen Gesellschaft, dem Mittelalter zum Beispiel war sie unbekannt. Insofern sie aber eine geschichtliche Idee ist, die keinerlei unabänderliche biologischen Grundlagen hat, kann sie auch historisch obsolet werden.
Meine These ist nun, daß der Zeitpunkt dafür gekommen ist, daß wir - abgesehen von den ersten Lebensjahren - von dieser Idee - Kindlichkeit des Kindes - Abschied nehmen müssen, damit auch vom traditionellen Begriff von "Erziehung", und daß wir gut daran tun, Kinder wieder wie kleine, aber ständig größer werdende Erwachsene zu behandeln.
Der Grund dafür liegt in einer Reihe von gesellschaftlichen Entwicklungen, die unumkehrbar sind und die die Bedingungen und Voraussetzungen für die Idee der Kindlichkeit des Kindes haben zusammenbrechen lassen. Das wichtigste Ergebnis dieser gesellschaftlich-kulturellen Entwicklungen ist, daß der Anteil persönlich verantworteter Erziehung zurückgeht und zurückgehen muß zugunsten anonymer Sozialisationsprozesse, die insbesondere über die Massenmedien und die Gleichaltrigengruppen funktionieren.
Wenn wir angesichts dieser Entwicklung den überlieferten Begriff der Erziehung weiter verwenden wollen müssen wir ihn neu bestimmen. Dies hat selbstverständlich Folgen für unsere Vorstellungen über pädagogische Berufe und ihre Aufgaben und über die Rolle der pädagogischen Institutionen wie Familie und Schule.
Im einzelnen versuche ich folgende Thesen zu erhärten:
1. Die bürgerliche Erziehung hat sich in erster Linie von der Verantwortung für die Zukunft des Kindes her gerechtfertigt. Eine solche Verantwortung kann jedoch sowohl von den Erziehern wie von der Gesellschaft nur noch eingeschränkt übernommen werden. Das Kind ist Zug um Zug für seine Zukunft selbst verantwortlich geworden. Je mehr sich aber in diesem Prozeß der pädagogische Blick auf die Bedürfnisse und Interessen des Kindes richtet, um so mehr wird Gegenwart die maßgebende Zeitkategorie. Diese Zeitperspektive kann aber keine Erziehung begründen, sondern allenfalls Umgang, also ein Zusammenleben mit Kindern.
2. Die Pädagogisierung des Kindes war gedacht als pädagogische Gestaltung eines zubereiteten Erfahrungsraumes für das Kind, in dem es seine Zukunft lernend und sich bildend vorbereiten sollte. Von dieser Beschränkung auf das Kind hat sich die Pädagogisierung gleichsam emanzipiert und sich zu einer allgemeinen gesellschaftlichen Tendenz entwickelt, die alle Altersstufen nach pädagogischen Regeln zu beeinflussen sucht, also auf diese Weise die Unterschiede zwischen den Generationen verwischt.
3. Die modernen Erziehungswissenschaften, die die allgemeine Pädagogisierung begründen und fördern, denken nicht mehr unter der Perspektive des pädagogischen Handelns, der pädagogischen Verantwortung und unter dem Leitgesichtspunkt der Autonomie des Kindes und der Entwicklung seiner Fähigkeiten - also biographisch -, sondern funktional: Sie erforschen und beschreiben nicht mehr Erziehungsprozesse, sondern Sozialisationsprozesse.
4. Das Verhältnis der Generationen, also zwischen Kindern und Erwachsenen, genauer: der darin vermutete Unterschied an Reife, Wissen und Erfahrung, galt bisher als entscheidende Voraussetzung des Erziehungsverhältnisses. Aber dieses Verhältnis hat sich so verändert, daß pädagogisch bedeutsame Wechselwirkungen zwischen den Generationen nur noch sehr eingeschränkt stattfinden, dafür die Sozialisationswirkungen der Gleichaltrigengruppen eine kaum noch zu überschätzende Bedeutung bekommen haben.
5. Diese Tendenz wird dadurch unterstützt, daß die dominanten Sozialisationserfahrungen der Kinder und Heranwachsenden Freizeit- und Konsumerfahrungen, also gegenwartsorientierte Erfahrungen sind, während das bisherige Lebenszentrum "Arbeit" subjektiv wie objektiv an Bedeutung verliert.
Alle diese Tendenzen wirken - wie gesagt - dahingehend zusammen, daß Erziehung zunehmend durch Sozialisation ersetzt wird - auch dort, wo vermeintlich noch erzogen wird.
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